Zahnarztteam Luzern - Praxis Dr. Schulte

Wenn der Nerv krank ist: Wie Zahnschmerz entsteht

Wie alle lebenden Gewebe kann auch die Zahnpulpa von krankhaften Veränderungen heimgesucht werden. Meistens handelt es sich dabei um eine Entzündung der Pulpa, die man Pulpitis nennt und von der man akute und chronische Formen unterscheidet. Im Anfangsstadium ist die Pulpitis meist reversibel, das heisst, sie kann bei Beseitigung der Ursache wieder komplett ausheilen. Bei längerem Bestehen ist die Nerventzündung  häufig irreversibel. Sie heilt also nicht mehr ab, führt zu chronischen Beschwerden oder schliesslich  zu einem Absterben des Zahnnerven (Pulpanekrose)

Hauptursachen der Pulpitis:

  • Karies (Bakterien, diese bilden Toxine und Säuren)
  • Zahnrisse oder –frakturen (Zahntrauma)
  • Chemische Irritation durch Zahnrestaurationen wie Zahnfüllungen oder Kronen
  • Überhitzung bei zahnärztlicher Behandlung, zum Beispiel beim Bohren oder Abschleifen des Zahnes  ohne ausreichende Kühlung

Symptome der Pulpitis:

Typisches Symptom der Pulpitis ist der Schmerz, der je nach Ausmass der Nerventzündung variieren kann:

  • Überempfindlichkeit gegen Kälte oder Wärme (Hypersensibilität) sind oft ein Anzeichen einer Irritation oder Entzündung des Zahnnerven. Die Schmerzen werden in diesem Fall durch kalte Getränke oder heisse Speisen ausgelöst.  Auch ein hartnäckig überempfindlicher Zahnhals kann durch eine chronische Pulpitis verursacht sein.  Überempfindliche  Zähne beobachtet man häufig in den ersten Monaten nach dem Legen von Füllungen oder dem Einsetzen von Kronen. Normalerweise beruhigt sich der Nerv wieder von alleine. Bei anhaltenden Beschwerden kann aber eine Wurzelbehandlung notwendig werden.
  • Zahnschmerzen sind das klassische Symptom der Pulpitis. Bei akuter Zahnnerv-Entzündung kann der Schmerz anfallsartig auftreten und sehr intensiv sein, wobei er oft pochend oder pulsierend ist. Manchmal  strahlt er in die Umgebung aus, z.B. ins Ohr, was die Lokalisierung der Schmerzursache erschweren kann.  Pulpitische Zahnschmerzen können spontan auftreten oder durch äussere Einwirkungen, wie Temperaturreize oder Bissbelastung ausgelöst werden.
    Wichtig ist die Abgrenzung der Zahnschmerzen von anderen Schmerzursachen, die ähnliche Beschwerden verursachen: Kopfschmerzen, Kiefergelenkschmerz, Mittelohrentzündung, Trigeminusneuralgie. Auch ein Herzinfarkt kann gelegentlich in den Unterkiefer ausstrahlende Schmerzen bewirken.
  • Klopfschmerz und Aufbiss-Schmerz: Bei länger bestehender Pulpitis erfasst die Entzündung auch die Wurzelhaut und den Knochen um die Wurzelspitze (Apex). Man spricht dann von einer akuten apikalen Parodontitis oder Ostitis. Der Zahnschmerz ist in diesem Fall belastungsabhängig und tritt z.B. beim Aufbeissen auf etwas Hartes oder beim Klopfen auf den Zahn auf.  Solange der Zahnnerv vital (lebendig) ist, können sich die Symptome der Pulpitis und der apikalen Parodontitis überlagern.

Wenn der Nerv abstirbt (Pulpanekrose)

Wenn die Zahnpulpa abstirbt und das Pulpagewebe nekrotisch wird, spricht man auch von Pulpanekrose oder Gangrän. Der Zahn wird jetzt als devital (tot)  bezeichnet, weil der Zahnnerv nicht mehr vital ist (lebt). Als Ursache für eine Pulpanekrose  kommen in Frage:

  • Eine  Pulpaentzündung (Pulpitis), z.B. durch eine Karies. Bakterien und deren Gifte (Toxine) können in die Pulpa eindringen und zu ihrem  Absterben führen.
  •  Auch ein Zahntrauma durch einen Unfall (z.B. Sturz oder Schlag) kann zur Pulpanekrose führen, wenn der Zahn gelockert oder verschoben  wird  und dabei die Blutgefässe an der Wurzelspitze abreissen.
  • Eine fortgeschrittene Parodontitis mit sehr  tiefen Zahnfleischtaschen  kann bisweilen ebenfalls  zum Absterben des Zahnnerven führen (Endo-Paro-Läsion).

Wenn der Zahnnerv nach einer längeren Entzündung der Pulpa abstirbt (Gangrän), lassen die Zahnschmerzen in vielen Fällen plötzlich nach, weil die Nervenzellen der Pulpa keine Schmerzreize mehr weiterleiten.  Oft ändert sich aber nur die Art des Schmerzes: Vom spontanen Schmerz zum belastungsabhängigen Schmerz, der zum Beispiel beim Kauen auftritt. Grund sind die Bakterien, die jetzt das tote Pulpagewebe besiedeln und über die Wurzelspitze in den benachbarten Knochen vordringen (Fachbegriff: apikale Ostitis oder apikale Parodontitis).

Vom toten Zahn zur „dicken Backe“

Die Bakterien aus der „toten Zahnwurzel“ dringen nun  über die Wurzelspitze in den Knochen ein und es kommt zu einer lokalen Knochenentzündung (Ostitis) und langsamen Auflösung des Knochens. Dies kann völlig schmerzlos vor sich gehen, so dass viele tote Zähne erst zufällig bei einer Röntgenaufnahme entdeckt werden.
In manchen Fällen ist die Entzündung aber eher akut, der betroffene  Zahn scheint „länger“ zu sein und tut bei Belastung (Beissen) weh. Das Gefühl des verlängerten Zahns kommt daher, dass der mit elastischen Fasern im Knochen verankerte Zahn durch die Entzündung Bruchteile eines Millimeters aus dem Zahnfach herausgedrückt wird und beim Beissen früher auf den Gegenzahn stösst.

Der Knochen um die „tote“ Wurzel wird von den Bakterien angegriffen und langsam aufgelöst und nach einiger Zeit sieht man auf dem Röntgenbild oft einen linsen- bis erbsengrossen schwarzen „Schatten“  an der Wurzelspitze. Diese Ostitis kann je nach Aggressivität der Bakterien und Abwehr des Immunsystems über lange Zeit unverändert stabil bleiben.  Wenn die Bakterien die Oberhand gewinnen, breitet sich die Entzündung im Knochen weiter aus und kann ins Weichgewebe durchbrechen. Nach anfänglichen starken Schmerzen bemerkt der Patient dann eine zunehmende Schwellung von Lippe, Wange oder Kinn. Wenn sich Eiter im Gewebe ansammelt, spricht man von einem Abszess (Eiterbeule). Diese „dicke Backe“ ist keineswegs harmlos und muss sofort behandelt werden, ein unbehandelter Abszess im Gesichtsbereich kann sogar lebensgefährliche Konsequenzen haben.

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